hintergrund
Das Projekt verfolgt die Rekonstruktion eines Ausgrabungsbefunds aus Holsten-Mündrup bei Georgsmarienhütte, der in den 1980er Jahren von der Stadt- und Kreisarchäologie Osnabrück im Rahmen der Voruntersuchungen auf der Trasse der A33 Belm-Bielefeld ausgegraben wurde. Bei dem gebäude handelt es sich um einen zweischiffigen Bau vom sogenannten Typ Haps, benannt nach einem Fundort in der Provinz Drenthe, Niederlande, wo ein Hauptverbreitungsgebiet dieser Hausform gelegen ist. Zweischiffige Häuser sind in der zweiten Hälfte des letzten Jahrtausends vor Christi Geburt eine typische Konstruktionsform im Osnabrücker Land sowie in der angrenzenden Münsterländer Bucht und westlich der Ems. Diesem Verbreitungsgebiet stehen dreischiffige Bauten im küstennahen Raum Nordwestdeutschlands gegenüber.

Ausgrabungsbefund des Hauses aus Holsten Mündrup.
Der Hausbefund aus Holsten-Mündrup hat einen für den Typ Haps charakteristischen ovalen Grundriss, weist allerdings bezüglich verschiedener baulicher Details auch einige Besonderheiten auf. So sind z.B. die Firstpfosten paarweise gesetzt, ohne dass der technische Hintergrund dafür sicher zu erklären ist. Die äußere Flechtwerkwand liegt nicht wie bei verschiedenen anderen Gebäuden dieses Typs zwischen den tragenden Pfosten des äußeren Rähms sondern leicht nach innen versetzt, wodurch sich eine verhältnismäßig hohe Innenwand von fast 2m Höhe ergibt, was dem Innenraum des Hauses einen ganz besonderen Charakter verleiht. Wie viele Viehboxen im westlichen Stallteil des Hauses bestanden, ist nicht sicher durch den Ausgrabungsbefund nachzuweisen, da die Pfosten teils nicht sehr tiefgründig waren bzw. die alte Oberfläche aufgrund neuzeitlichen Ackerbaus nicht erhalten gewesen ist, also die oberen Schichten der Befunde teilweise schon abgetragen waren. Dementsprechend wurden in der Rekonstruktion nur vier Viehboxen eingebaut, wobei der Stallteil für bis zu acht Boxen Raum bieten würde. Wohn- und Stallteil sind durch eine mit Lehm verputzte Flechtwerkwand getrennt, die im Ausgrabungsbefund auch nur indirekt nachzuweisen ist, nämlich anhand der zweiflügeligen Eingangstür an der Südseite des Hauses, wobei die Türpfosten eindeutig für eine breitere Stalltür neben einer deutlich schmaleren Wohnraumtür sprechen. Details zur Nutzung des Wohnteils, wie z.B. die Lage der Feuerstelle, waren in Holsten-Mündrup aufgrund der Erhaltungsbedingungen nicht festzustellen. Die Lage der Firstpfosten gibt allerdings die Position der zentralen Feuerstelle vor, alle weiteren Einbauten müssen anderen Fundplätzen des gleichen Zeithorizonts entlehnt werden. Die Dachkonstruktion des Hauses ist ebenfalls eine Interpretation anhand anderer Ausgrabungsbefunde sowie in erster Linie technischer Notwendigkeiten, wie z.B. der mindestens erforderlichen Dachneigung für ein Reet- oder Strohdach.

Für die Rekonstruktion umgesetzter Grabungsbefund
Die Rekonstruktion in Venne wurde bewusst nicht als archäologisches Experiment durchgeführt, da hierfür zum einen das erforderliche Personal als auch die nötige Zeit und das nötige Geld fehlten. Der Maßstab für den Nachbau war eine authentische Optik des Gebäudes, die dem Besucher einen möglichst originalgetreuen Eindruck eines Hauses aus der mittleren vorrömischen Eisenzeit, d.h. dem 4./3. Jh. v. Chr. vermitteln soll. Beim gesamten Holzbau wurden ausschließlich Verbindungstechniken eingesetzt, die für den relevanten Zeithorizont nachgewiesen sind. Neben Dechseln und Beiteln wurden dazu allerdings auch Motorsägen, Motorhobel und Kettenstämmer eingesetzt. Einzig die Dachlattung wurde konventionell aufgenagelt. Tatsächlich sind hier Holznägel anzunehmen, auf die allerdings aus Kostengründen verzichtet wurde, zumal die Verbindungen nicht sichtbar sind. Das Reetdach ist eine Möglichkeit der Dachdeckung, was auch für die Ausführung des First als Heidefirst mit Hängehölzern gilt. Alternativ wären auch ein Strohdach und ein First mit einer überstehenden Dachseite vorstellbar. Entsprechend heutigen Standards, u.a. des Brandschutzes, sind die Bindungen des Dachs verdeckt mit Draht ausgeführt worden. Eine Scheinbindung aus Hanfseil vermittelt die ursprüngliche Optik, wobei die Bindungen in der Eisenzeit möglicherweise auch mit Bast, Strohseil oder Weidenruten hergestellt wurden.
Es wurden also beim Nachbau des Hauses deutliche Kompromisse eingegangen, die allerdings in keiner Weise die geplante Nutzung des Objekts einschränken. Ziel des Projekts ist es, die Alltags- und Lebenswelt im Kontext der eisenzeitlichen Schnippenburg für ein breites Publikum erlebbar zu machen. Diesem Zweck wird die in vielen Details sehr hochwertige Rekonstruktion in vollem Umfang gerecht. Dabei versteht sich die Initiative als ergänzender Beitrag im Spektrum der archäologischen Sehenswürdigkeiten des Osnabrücker Landes, speziell der Varus-Region. Neben dem Wohnstallhaus entstehen auf dem Gelände weitere Installationen, die typischer Weise zu einem Gehöft der Eisenzeit gehörten. Konkret wurde bislang ein Brotbackofen aus Lehm errichtet, ein überdachter Schmiedeplatz sowie ein überdachter Werkplatz, der für unterschiedliche Aktivitäten genutzt werden kann. Die Grundrisse der Bauten entsprechen ebenfalls Befunden aus Holsten-Mündrup, wo allerdings die Funktion der einzelnen Nebengebäude des Gehöfts nur in Ansätzen ermittelt werden konnte. Auch hier stützen sich die Rekonstruktionen teils auf die Ausgrabungsergebnisse anderer zeitgleicher Siedlungsplätze. Für die Zukunft ist weiterhin die Errichtung von Speicherbauten, Schaugärten und -Äckern sowie einem Tiergehege und einem Naturspielplatz geplant.
Das Spektrum der Angebote auf dem Gelände richtet sich in erster Linie an Gruppen, Familien und Schulklassen, wobei alle Altersgruppen auch individuell bedient werden können. Für die Schulen wird besonders der im Lehrplan vorgesehene Themenkomplex Stein- und Metallzeiten bedient. Auch Angebote im Rahmen der Ganztagsschule sind bereits angelaufen. Weiterhin sind Seminare und Workshops vorgesehen, für die sich auch einzelne Teilnehmer anmelden können. Auch Wochenendangebote sind für das Jahr 2009 in Vorbereitung. Zusätzlich werden offene Mit-mach-Aktionen sowie unterschiedliche Events mehrfach im Jahr stattfinden. Es handelt sich um ein breites Spektrum archäologischer Erlebnisangebote, wobei neben klassischen Themen wie Töpfern, Brotbacken und Schmieden auch Natur- und Umweltaspekte, d.h. Mensch-Umwelt-Beziehungen, in den Vordergrund gestellt werden sollen.
Der Betrieb des Geländes wird durch den Tourismusverein Ostercappeln realisiert, innerhalb dessen eine spezielle „Arbeitsgruppe Eisenzeithaus“ gegründet wurde. Dabei wird angestrebt, das Projekt mit weiteren archäologischen Sehenswürdigkeiten im Gemeindegebiet und der Varus-Region zu vernetzen. Ziel ist es, zum einen der regionalen Bevölkerung Identifikationsmomente mit ihrer lokalen Geschichte anzubieten und zum anderen auswärtige Touristen, die teils speziell aus Interesse an archäologischen Themen anreisen, länger in der Region zu halten.
Hintergrund des großen Interesses an der Eisenzeit sind dir spektakulären Funde von der Schnippenburg bei Ostercappeln:
Die Schnippenburg ist eine Befestigungsanlage aus der vorrömischen Eisenzeit, die vor etwa 2300 Jahren erbaut und genutzt wurde. Sie liegt in natürlich geschützter Wiehengebirgslage an einer Fernhandelsroute, die den keltischen Kulturraum mit Nordwestdeutschland verband. Durch verkohlte Eichenhölzer aus der Frontbefestigung wurde die Bauzeit auf die Jahre zwischen 258 und 278 v. Chr. festgelegt. Grabungsbefunde deuten an, dass die Schnippenburg nicht nur als Siedlungs- und Handelsplatz genutzt wurde, sondern auch Ort kultischer Handlungen war. Auf enge Kontakte zu den Kelten deuten sowohl Importfunde als auch lokal umgesetzte Elemente der keltischen Formensprache hin. Bei der Befestigungsanlage handelt es sich um einen ungewöhnlich metallreichen Fundplatz, in dessen Umfeld vielleicht Eisen produziert und weiterverarbeitet wurde. Vermutlich spielte dieser begehrte Rohstoff eine wichtige Rolle im Fernhandel. Das breite Fundspektrum umfasst eiserne Werkzeuge, Waffen, Bronzeschmuck sowie eine Vielzahl von Keramikgefäßen und anderen Siedlungsfunden. Eine vergleichbare Zusammensetzung ist bisher nur von keltischen Fundplätzen bekannt und in dieser Form in Nordwestdeutschland bisher einmalig.
Alle Infos zur Schnippenburg: www.schnippenburg.de
Bronzene Fibel (Gewandspange) von der Schnippenburg
(Foto: Axel Hartmann, Köln)